”Der Verstand wird stets vom Herzen getäuscht”
Der große Philosoph der Aufklärung, Immanuel Kant, ist u.a. mit dem Satz berühmt geworden: “Sapere aude! Habe Mut”, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!” (Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? 1784). Dieser Satz hat sich ins Bewusstsein der Moderne eingebrannt wie kaum ein zweiter: es ist der Verstand, den man bemühen solle. Dass der Verstand für unser Bewusstsein und unser Leben insgesamt wichtig ist, steht außer Frage. Mit unserem Verstand denken wir nach, bilden Begriffe, beurteilen, rechnen, überprüfen wir. Wir gebrauchen unseren Verstand beim Lesen, um Inhalte zu verstehen, beim Konstruieren von Häusern, z.B. bei der Berechnung der Statik, oder auch bei alltäglichen Dingen, beim Einkaufen, Auto fahren - unser Verstand hilft uns schlicht zu verstehen.
Unser Verstand ist kein Organ, sondern ein Vermögen, das uns befähigt, uns im Leben zurechtzufinden, zu wissen auch, was zu tun ist. Unser menschlicher Verstand hat dazu beigetragen, Riesenbauwerke zu erstellen, Wüstengebiete fruchtbar zu machen und über Distanzen hinweg zu fliegen, hat Fortschritte in Medizin und Technik ermöglicht. Während wir mit dem Computer schreiben, wird eine Menge von Daten verarbeitet - eine Leistung, die unser Verstand vollbracht hat durch seine Fähigkeit, Dinge logisch zu entwickeln und zu neuen Einheiten zu verbinden. Sein Motto heißt “Wenn…dann”. Der Verstand findet den richtigen Weg. Und auf diesem Weg will er recht haben. Bei Problemen und überall dort, wo ein Mangel herrscht, ist der Verstand stets gefordert, eine Lösung zu finden. Kein Wunder messen wir Menschen unserem Verstand eine große Bedeutung zu.
Jetzt stehen wir oft vor dem Phänomen Verstand und fragen uns, ob wir Menschen denn den Verstand verloren haben: Wir zerstören unsere Lebensgrundlagen durch das, was wir mit dem Verstand errichtet haben: mit Waffensystemen, Verbrennungsmotoren, Pestiziden…Aber nicht genug: unser Herz kriegt nicht genug und fordert den Verstand auf, es besser zu machen als andere, noch schneller zu sein, anderen das Land wegzunehmen, um ihre Bodenschätze für Handys zu fördern. Wir konstruieren Systeme, um andere Menschen zu kontrollieren und zu überwachen. Menschen verdienen Summen mit den Krankheiten anderer. Wie ist das erklärbar? Der französische General und Schriftsteller Francois de La Rochefoucauld (1613-1680) würde wohl folgende Antwort darauf geben: “Der Verstand wird stets vom Herzen getäuscht”. Ob wir verstehen, was La Rochefoucauld damit meint?
“Herz” ist für uns eher ein Symbol für Liebe: “Menschen haben ein Herz für Kinder”. “Die Bürgermeisterin hat das Herz ‘am rechen Fleck’”. Sie hat Verständnis für Menschen. Sie hört sich die Nöte ihrer Bürger an. “Sie sind ein Herz und eine Seele”. Sie verstehen sich, stehen zusammen und gehen verständnisvoll miteinander um. Der jamaikanische Sänger und Gitarrist Bob Marley (1945-1981) schreibt einmal: “Du bist vielleicht nicht ihr erster, ihr Letzter, oder ihr Einziger. Sie hat schon geliebt, bevor sie vielleicht wieder lieben wird…, aber sie wird ein Teil von sich geben, von dem sie weiß, dass du es brechen kannst-ihr Herz. Also verletze sie nicht, verändere sie nicht, analysiere sie nicht und erwarte nicht mehr als sie geben kann.” Ein liebendes Herz kann gebrochen werden und den liebenden Menschen in ein großes Unglück stürzen. Lieben heißt, sein Herz verschenken. Keine Dichtung fasst diesen Herzenswunsch so stark in Worte wie ein mittelalterlicher Minnesänger:
“du bist min, ich bin din,
des solt du gewis sin.
du bist beslozzen in minem herzen:
verlorn ist daz sluzzelin:
du muost immer drinne sin”.
Das Herz als Symbol ist aber nicht nur ein Zentrum für Gefühle, und insbesondere für das Gefühl der Liebe, sondern auch ein Symbol für den Mangel bzw. für das Verlangen, etwas unbedingt erreichen zu wollen. “Er hat von tiefstem Herzen den Wunsch, zu seinem siebzigsten Geburtstag eine Kreuzfahrt zu machen” - all die beruflichen Jahre vorher war das nicht möglich. Der Herzenswunsch ist ein tiefer Wunsch und steht für ein großes Verlangen. Wird der Herzenswunsch nicht erfüllt, den ein Mensch so leidenschaftlich ersehnt hat, kann die Sehnsucht des Herzens umschlagen in Wut - “sein Herz ist voller Hass”. Kinderherzen freuen sich, wenn an Geburtstagen ihre Wünsche erfüllt werden. Offensichtlich steht unser Herz auch für Verlangen und Sehnsucht - und die Werbung für Produkte weiß, wonach menschliche Herzen verlangen. Unser menschliches Verlangen nach Anerkennung ist so groß, dass es im “Herzen weh tut”, wenn man keine Beachtung findet und übersehen wird.
Es scheint, dass unsere Herzen nicht nur für Liebe stehen, sondern auch für Verlangen. Auf dieses Verlangen, vielleicht sogar gierige Verlangen des Herzens, weist der Kriegserfahrene General Rochefoucauld hin. Es ist das Herz, siegen zu wollen, überlegen zu sein, ein Herz, das mit Macht gegen jemanden vorgeht. Menschen, die nicht verzeihen können, die sich für so wichtig halten, dass sie immer Recht haben, die das Verlangen haben, groß “raus zu kommen” - solche Herzen werden egoistisch genannt und kalt. Und solche Herzen täuschen den Verstand. Nur solche Herzen? Tragen wir nicht alle ein Herz in uns, das für das Verlangen steht, geliebt und anerkannt zu werden, für das Verlangen, Recht zu haben, so sehr, dass es zu Streit und Trennungen führt. Und ist es nicht denkbar, wenn wir in uns hineinhören, dass ein leidenschaftliches Herz dem Verstand zusetzen und verwirren kann, dass ein klares und vernünftiges Denken und Handeln nicht mehr möglich ist? Es lohnt sich zu prüfen, inwieweit tatsächlich unser Verstand vom Herzen her gesteuert und eben auch getäuscht wird.
Zusammenfassung
Es ehrt unseren Verstand, dass er durch sein rationales und begriffliches Vermögen eine Liste vorlegen kann, in der alles Wissen und Können gesammelt ist, von dem, was gewusst und entwickelt wurde. Er hat eine Maschine erfunden, die es ermöglicht, all das in Sekundenschnelle abzufragen. Und weiterhin glänzt unser Verstand mit Sternstunden des Wissens, wenn Nobelpreisträger in den Naturwissenschaften bahnbrechende Entdeckungen machen. Im Alltag bescheiden wir uns eher mit einem Wissen aus Zeitschriften und halten Meinungen oft für Wissen und Wahrheit. Hier lässt sich unser Verstand gerne täuschen. Insgesamt gilt wohl: Woran einer sein Herz hängt, das soll ihm auch nützen. Und die Sorge um das eigene Leben ist meist stärker als die Sorge um das Leben anderer. Diese Herzensangelegenheit um das eigene Wohl, dies Verliebtsein in sich selbst löst der Verstand nicht. Er lässt sich täuschen. Der Verstand in seinem “Wenn - dann- Weg” tut sich schwer mit dem “Blick über den Tellerrand” hin zum anderen.
Die Frage ist, ob es eine Möglichkeit gibt, einen Weg zu finden, Herz und Verstand so zusammenzubringen, dass es uns Menschen hilft, ein Bewusstsein zu entwickeln, sorgsam und achtsam mit dem Leben umzugehen, dass wir ein Leben gestalten, in dem Menschen in Ehrfurcht einander begegnen, eine Technik entwickeln, die uns dient und nicht unsere Grundlagen zerstört? Der Verstand allein scheint dazu nicht in der Lage zu sein - das zeigt unser Menschenleben rund um den Erdball. Die egoistischen Verführungen und Verlangen der Herzen sind zu groß.